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Die Vielfalt der asiatischen Medizin

Die Vielfalt der asiatischen Medizin - D.-Kreikemeier, PIXELIOTeil 1 des 2-teiligen Beitrags von Silja Thiemann

Chinesische Medizin ist weniger eine Bezeichnung für ein greifbares, abgerundetes Medizinsystem als ein Sammelbegriff für ostasiatische Medizin. Hinter dieser Bezeichnung stehen zahllose diagnostische, therapeutische und philosophische Modelle, die sich im Laufe der langen Geschichte Asiens herausgebildet haben. Der Terminus „Traditionelle Chinesische Medizin“ (TCM) ist heute in aller Munde. Es wird versucht, diesen zu einem Markenzeichen zu machen; Marke im Sinne einer einheitlichen Lehre, die auf einer soliden, traditionellen Ausbildung fußt und damit ein Gefühl von Seriosität und Qualität suggerieren soll. Die VR China treibt aktuell die ISO-Zertifizierung massiv voran, um die Macht über die Ausbildungsrichtlinien zu erlangen.

Doch was verbirgt sich hinter der Phrase der TCM, wie sie in der heutigen Volksrepublik China, bzw. auch im Westen, gelehrt und praktiziert wird? Und was sind die Unterschiede innerhalb der ostasiatischen Medizin?

TCM – Traditionelle Chinesische Medizin

Der Begriff TCM ist erst ca. 50 Jahre alt und wurde von Mao Zedong geprägt. Nach der Abdankung des letzten Kaisers von China Anfang des 20. Jahrhunderts hat die republikanische Guomindang-Regierung unter Sun-Yatzen die klassische chinesische Medizin politisiert als Symbol für die Rückständigkeit und Reformbedürftigkeit des modernen Chinas. Mit dem Machtwechsel in den Kommunismus hatte sich an dieser Einstellung nichts verändert. Im Rahmen der Kulturrevolution wurden auch die Ärzte als Intellektuelle, die sich was Besseres dünken, politisch unter Druck gesetzt und der politischen Umerziehung unterworfen. Aufgrund der miserablen Verhältnisse kam es 1953 zu einer scheinbaren Kursänderung gegenüber der chinesischen Medizin. Grund hierfür war die zu starke Abhängigkeit Chinas von der Sowjetunion, gerade auch im Bereich der Versorgung mit medizinischen Gütern und moderner Medizingeräte, sowie die desolate Gesundheitslage im Reich mit mangelnder Infrastruktur bei Verarmung und Hunger unter der Bevölkerung. Unter patriotischer Flagge wurde nun verkündet, die Chinesische Medizin sei ein großes Schatzhaus, das gründlich ans Licht geholt und weiter entwickelt werden sollte. Die alten Lehrer blieben weiterhin von allen Entscheidungsprozessen ausgeschlossen und durften weiterhin nicht lehren. Der Aufbau der neuen TCM kam stattdessen in die Hände von Funktionären, deren Aufgabe es war, eine (Kurz)Ausbildung zu schaffen mit dem Ziel, die Absolventen mit dem allernötigsten Wissen zur praktischen Tätigkeit zur Bevölkerung schicken zu können. Die Schüler verfügten meist nur über niedriges Bildungsniveau und bekamen rudimentäre theoretische Grundlagen, die um standardisierte Vorgehensmaßnahmen und Verfahren ergänzt waren. Dabei wurde das philosophisch-spirituelle Fundament der klassischen chinesischen Medizin ideologisch „bereinigt“.

Seit den 1980er Jahren wurde das Medizinstudium in China nach westlichem Vorbild wieder etwas aufgewertet. Dennoch kam es zur weiteren Verflachung der TCM, die heute an den chinesischen Universitäten praktisch den Status eines Nebenfaches innehat. Die TCM-Therapie in der heutigen Volksrepublik erfolgt parallel zur schulmedizinischen Therapie anhand westlicher Diagnostik und Terminologie. Selbst die Dozenten an den Hochschulen in China sehen die TCM offiziell als der westlichen Medizin untergeordnet an. Und wer die seltene Gelegenheit hat, dort hinter die Kulissen der offiziellen Ausbildung zu schauen, stellt mit Erstaunen fest, dass die Kollegen und Dozenten bei sich selbst schnell zur westlichen Schulmedizin greifen, anstatt zu Na-del oder Kräutern… Chinesische Medizin in China erfolgt heute allein auf Grundlage moderner, westlicher Medizin. Die Diagnose wird mit westlichen Methoden erstellt und erst dann wird mit traditioneller Medizin behandelt werden. Ziel der politischen Führung ist, eine chinesische Variante westlicher Medizin zu schaffen, die sich weltweit vermarkten lässt.

Die Einzigartigkeit und Besonderheit der Chinesischen Medizin wurde fast bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt zugunsten steriler Institutionalisierung. In den letzten Jahren regt sich auch in China mehr und mehr Widerstand seitens Wissenschaftlern und Dozenten. Langsam wird erkannt, dass Chinesische Medizin ohne die Verwurzelung in den Klassikern und ohne Verständnis der Philosophie nicht fruchtet.

Über den Unterschied von TCM zu klassischer chinesischer Medizin

Doch was ist bei dieser Entwicklung verloren gegangen, wo sind die gravierenden Unterschiede zur eigentlich traditionellen, klassischen Chinesischen Medizin?

Auch wenn in China selbst die chinesische Medizin seit über 100 Jahren zumeist ein Schattendasein und eine eher politisierte Entwicklung genommen hat, wurde das Wissen in anderen Ländern erhalten und wurde weiter gepflegt. So kam Europa mit chinesischer Medizin Mitte des 20. Jahrhunderts zuerst über die ehemalige französische Kolonie Indochina, heute Vietnam, in Kontakt. Mit dem Besuch des US-Präsidenten Nixons in China richtete sich dann der Blick des Westens neugierig auf die chinesische Medizin, die bis dahin unbemerkt schon im eigenen Land angekommen war: Viele Asiaten aus den alten Kolonialländern und China emigrierten nach USA und Europa, darunter auch Ärztefamilien. Sie praktizierten bis dato jedoch still und heimlich innerhalb der eigenen Gruppe. Heute finden wir selbstverständlich solche Lehrer, die das Wissen einer langen Generationenfolge auch im Westen erhalten und weitergeben.

Auch in Japan ist die chinesische Medizin sehr pragmatisch geschätzt und weiterentwickelt worden. In China landeten die klassischen Schriften als Relikte einer vergangenen Epoche verstaubt in den Bibliotheken. „Jeder neuen Generation, die in China heranwächst, sind die antiken Philosophien zunehmend fremder“, schreibt der Sinologe und Medizinhistoriker Unschuld treffend. In Japan dagegen werden die klassischen Schriften bis heute hoch geehrt ohne in Ehrfurcht zu erstarren. Im Gegenteil, auf der Basis der Klassiker wird akribisch und mit wissenschaftlicher Methodik geforscht. Die chinesische Medizin hat zu allen Zeiten ausgemacht, dass die Ärzte brillante Beobachter waren, auch wenn sich viele der beobachteten Phänomene bis heute nicht erklären lassen. Doch nur weil die Messtechnik auch heute noch nicht fein genug ist, bzw. Wechselwirkungen in hochkomplexen Systemen wie dem Menschen sich nicht mit kausal-analytischer Denkweise beschreiben lassen, bedeutet dies nicht, dass die Beobachtungen falsch oder gar unwissenschaftlich sind. Ganz im Gegenteil: eine objektive und feine Beobachtungsgabe ist die Voraussetzung für Wissenschaftlichkeit! Therapeuten wie Yoshio Manaka haben wissenschaftliche Gründlichkeit und Dokumentation mit undogmatischem praxisorientierten Arbeiten verbunden und philosophische Theorien mit modernen Worten ausgedrückt. In Japan werden übrigens bis heute Kräutermedizin (Kampo) und Akupunktur getrennt, weil beide auf unterschiedlichen Konzepten basieren.

Über 1500 Jahre standen sich historisch die beiden Traditionen der Heilkunde voneinander getrennt gegenüber, wurden separiert voneinander praktiziert. Dies ist typisch für die asiatische Denkweise, dass eine Sache aus verschiedenen Perspektiven betrachtet wird. Die Kräuterheilkunde ist materiell, sie arbeitet mit greifbaren Substanzen, die vom Organismus aufgenommen und verdaut werden müssen. „Der Gebrauch von Arzneien gleicht dem Gebrauch von Soldaten“, charakterisiert Entwicklung der Kräuterheilkunde. Sie klassifizierte die Heilkräuter nach bestimmten Funktionen, die auf bestimmte Organe wirken. Bis heute zählt die Materia Medica, das Ben Cao Gang Mu, die Indikationen für die jeweiligen Heildrogen auf.

Die systematischen Entsprechungen von Yin und Yang und den Wandlungsphasen spielen in der Theorie der Pharmakologie kaum eine Rolle, im Gegensatz zu den energetisch ausgerichteten Traditionen der asiatischen Medizin, wie der Aku-Moxa-Therapie und der Psychologie in der chinesischen Medizin, als auch z.B. bei der Sa-am-Akupunktur aus Korea. Mittelpunkt der Theorie ist ein komplexes System aus Leitbahnen, das Qi wie ein System aus Wasserstraßen, Schleusen und Reservoiren durch den Organismus zirkulieren lässt. Diese Meridiane ergänzen die Vorstellung von Blutbahnen und Blutkreislauf. Ziel der Nadelbehandlung nach den Klassikern sei es, mit einem feinen Reiz eine Befindlichkeitsstörung beheben zu können, bevor sie sich zur Krankheit materialisiert hat. Folglich beruht diese feinstoffliche Tradition auf einer ganz anderen Diagnostik als die Pharmakologie. Bei der Entwicklung der TCM in der Modernen kam es dann zu einer unheilvollen Vermischung der unterschiedlichen Konzepte, die bis heute anhält.

Die Wurzeln der ostasiatischen Medizin

Verwurzelt ist die ostasiatische Medizin in der Naturreligion. Krankheit wurde zuerst einem Fluch der Ahnen, dem Einfluss von Dämonen oder kleinen Parasiten zugeschrieben. Ziel der Maßnahmen war, diese bösartigen Wesen zu vertreiben. Naturreligion bedeutet v.a. aber ein starkes Verwurzeltsein in der Natur mit intensiver, achtsamer Beobachtung der Vorgänge der Natur. Die empirische Heilkunde wurde unter Einfluss des Daoismus und des Konfuzianismus zur Medizin weiterentwickelt und basiert auf der Annahme, dass Gesundheit bedeutet, im Einklang mit der Natur und in Balance mit den Kräften des Universums und der Gesellschaft zu leben. Diese Idee findet sich auch im Ayurveda, der ähnliche Wurzeln hat wie die chinesische Medizin (so gab es historisch auch im Ayurveda eine Akupunktur-Schule, bzw. ist die Pulsdiagnose auch hier ein Pfeiler der Diagnostik).

Philosophie und Medizin waren seit Beginn an also eine untrennbare Einheit. Zhang Xichun, einer der großen Medizinwissenschaftler seiner Zeit in China, veröffentlichte bereits 1933: „Die meisten der heutigen medizinischen Fachartikel scheinen die Ansicht zu publizieren, dass unsere historische Philosophie den Fortschritt der Medizin behindere. Diese Autoren verstehen offensichtlich nicht die funktionale Kraft, die dem philosophischen Wissen eigen ist. Darüber hinaus verstehen sie auch nicht, dass Philosophie in Wirklichkeit die Quelle aller medizinischer Information ist.

Im Klassiker Shijing ist folgende Zeile enthalten: „Wenn Du die Weisheit begreifst, die im Wirken des Universums enthalten ist und im Bereich der Philosophie ausgedrückt wird, dann wirst Du in der Lage sein, Deine Gesundheit zu erhalten.“ Wenn wir uns deutlich machen, was hier geschrieben steht, dann erklärt uns dieser Klassiker, dass wir zuerst eine natürliche Einstellung einnehmen müssen, um die zeitlose Weisheit der Philosophie zu erfassen. Dann müssen wir die praktischen Details, die in der Philosophie enthalten sind, ergründen. Damit eröffnet sich uns dann der einzige Weg, um unseren physischen Körper zu erhalten. Es war genau diese Abfolge von philosophischer Gesinnung, von philosophischem Wissen und die konsequente Anwendung konkreter medizinischer Praktiken, die von den weisen Ahnen der chinesischen Medizin als das Dao der Erhaltung des Lebens bezeichnet wurde. Der Begriff Philosophie beinhaltet folglich die Ganzheit aus intuitiver Einsicht, intellektuellem Wissen und allen konkreten Maßnahmen, um die Kunst zu vollbringen, das Leben zu erhalten. „Die Meister beobachten die Welt, vertrauen aber ihrer inneren Sehkraft. Sie lassen die Dinge kommen und gehen. Ihr Herz ist offen wie der Himmel.“, findet sich bei Laotse im Tao Te King geschrieben (Übersetzung nach Peter Kobbe).

In diesem Sinne ist auch der Klassiker des Gelben Kaisers zur Inneren Medizin, das Neijing, zu bewerten. Es ist eine medizinische Abhandlung, und beginnt dennoch mit einer philosophischen Erklärung: In früheren Zeiten hätten die Weisen, die noch den Weg des Dao verstanden, im Einklang mit der Natur und den Gesetzen des Universums gelebt. Sie hätten das Dao noch verstanden, welches auf dem Wechselspiel der beiden polaren Kräfte des Yin und Yangs basiert. Sie wussten noch, Körper, Geist und Seele zu pflegen durch Mäßigkeit im Essen und Trinken und durch Einhalten eines regelmäßigen Schlafrhythmus. Aufgrund dieser Disziplin und Achtung der Gesetze der Natur konnten sie ein hohes Alter über 100 Jahre hinaus, erreichen (frei nach dem Neijing).

Aus Sicht des Neijing ist Medizin die Wissenschaft von der Erhaltung des Körpers mittels der Weisheit der Jahrhunderte – Philosophie.

Hier fällt nun auch konkret der Begriff des Geistes. Gesundheit wird nicht nur auf die Physis bezogen, sondern Körper, Geist und Seele werden als eine Einheit verstanden. Die Konstitution eines Menschen wird laut der Chinesischen Medizin durch Qi, Jing und Shen gebildet. Diese drei Begriffe definieren die körperliche und seelische Struktur des Individuums und hängen untrennbar zusammen. Jing ist die materiellste und bringt die beiden feinstofflicheren Energien Qi und Shen hervor. Qi ist feiner als Jing, aber materieller als Shen. Qi nährt, wärmt, schützt und stützt den Körper und die Seele. Shen ist das Bewusstsein. Durch die Vereinigung von Qi und Shen kommt es zur Wechselwirkung zwischen Physis und Psyche, erst so kann Leben entstehen.

Cover "Das Geheimnis der gesunden Mitte"

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Foto: © D.-Kreikemeier – PIXELIO

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