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Die traditionelle Medizin aus Tibet

Die traditionelle Medizin aus Tibet - Wilfried Pfeffer, Janek Finn PfefferEin erster Einblick

Die TTM wird seit über 3.000 Jahren in der Himalaya-Region praktiziert und gehört somit ursprünglich zur Volksmedizin mit schamanistischem Ansatz. Im 8. und 9. Jahrhundert luden die tibetischen Könige zu Medizin-Kongressen nach Lhasa ein und konnten Ärzte und Heiler aus ganz Zentralasien (Mongolei, Sibirien), aus Südostasien (China, Indonesien, Indien), dem Orient (Persien, Arabien), ja sogar aus Griechenland gewinnen. Daher ist verständlich, dass dank dieses Austausches die oben genannten traditionellen Heilsysteme viele Ähnlichkeiten aufweisen. Der gegenseitige und internationale Austausch ist sowohl Ausdruck einer Eigenständigkeit der einzelnen Traditionen als auch Ausdruck des Wunsches der praktizierenden Ärzte und Heiler damals wie heute: Erkenntnisse zu erweitern. Diverse Schriften tibetischer Ärzte seit dem 7. Jahrhundert n. Chr. zeugen vom ständigen Bestreben, mit der Zeit mitzugehen. Als der Buddhismus im 8. Jahrhundert nach Tibet kam, bereicherte sich die Tibetische Medizin tiefgründig mit den buddhistischen Erkenntnissen der subtilen Mentalprozesse unseres Bewusstseins.

Somit zeichnet sich die Tibetische Medizin sowohl durch ihre Jahrtausende alte empirische Erfahrung aus als auch durch die beständige, durch schriftliche Dokumente fundierte Weiterentwicklung und ihre sehr enge spirituelle Anbindung. Tradition bezeichnet damit sicher nicht einen starren Begriffskörper, sondern im Sinne einer lebendigem Tradition – wie es der 14. Dalai Lama auch fordert – ein sich stets weiterentwickeltes, dynamisches System.

In unserer westlichen Welt haben viele Menschen den Buddhismus als eine äußerst intelligente, zeitlose und somit moderne und tief spirituelle Bewusstseinslehre kennen gelernt. In den jüngsten Jahren werden immer mehr wissenschaftliche Untersuchungen durchgeführt, in denen die hohe Effizienz von Meditation auf unsere Neurophysiologie nachgewiesen werden konnte. Salopp ausgedrückt: „Es scheint, da ist was dran…“.

Der Buddhismus bereichert die Traditionelle Tibetische Medizin (TTM) als eine Complementärmedizin mit dem psychosomatischen Aspekt der Karmalehre. Dies als System der Erkenntnis von Ursache und Wirkung im Leben jetzt sowie über das jetzige Leben hinaus und als Ausdruck der beständigen Selbstverantwortung über alle Prozesse. So könnte eine Krebserkrankung bei einem Kind einen ganz anderen diagnostischen Aspekt bekommen. Aber auch chronische und psychische Erkrankungen stehen in einem über den „Jetzt-Moment“ des Auftretens erweiterten Kontext. Neue gedankliche Ansätze zu möglichen Ursachen können philosophiert werden. Entscheidend erschienen diese Überlegungen für die Akzeptanz schwerster Krankheitsbilder mit eventuell lediglich palliativem Therapieansatz und damit zum Erhalt von Lebensqualität. Außerdem gewinnen sie Bedeutung in der Prävention und Behandlung von Krankheit im jetzigen sowie im folgenden Leben. Als Stichwort: die Macht der Gedanken. Ein äußerst interessantes Forschungsfeld für die westliche Wissenschaft in naher Zukunft.

Das Bewusstsein und die Willenskraft stellen die stärkste Kraft im Leben dar.

Unsere Persönlichkeit ist eine Einheit aus mentalen, psychosomatischen und physiologischen Faktoren. Damit richtet sich der Blick in der Tibetischen Medizin vermehrt nach innen, und es erscheint wünschenswert, diese Ergänzung des Blickwinkels in unsere medizinische Kultur aufzunehmen.

 

Die fünf Elemente-Lehre

Diese Interaktionen zwischen Körper, Psyche und Bewusstsein finden in der TTM Ausdruck in der Fünf-Elemente-Lehre mit Erde, Wasser, Feuer, Luft und Raum/Äther. Diese sind nicht nur sichtbare Naturphänomene, sondern vielmehr energetische Impulse für alle physikalischen, elektrochemischen, biologischen und geistig-seelischen Prozesse inner- und außerhalb von uns. Man könnte von einem mentalen „Internet“ der Fünf Elemente sprechen. Die Elemente Erde und Wasser werden aus tibetischer Sicht nicht nur als eine Handvoll feuchte Blumenerde angesehen. Es geht darum, sich in den feuchtwarmen, fruchtbaren, nährenden Humus einzufühlen, in dem der Same keimen kann oder in den feuchten Uterus, in dem der Fötus sich entwickelt, oder in den Magen, die Leber und andere Organe bis hinein in die biochemischen Bestandteile des Zellplasmas, in denen Nahrungsmittel umgewandelt und zu nährender Energie bzw. Baustoffen metabolisiert werden.

Die fünf Elemente gestalten die grundlegenden Impulsenergien mit:

  • Lung – Wind/Luft-Element
  • Tripa – Feuer-Element
  • Päken – Erde und Wasser-Element

Lung (Wind/Luft) verbindet das Bewusstsein mit dem Körper. Seine physiologische Wirkung entspricht der energetischen Vernetzung der Nerven und ihrer Aktionspotenziale, dem Hormon- und Immunsystem, die verantwortlich sind für alle sensorischen und motorischen Kommunikationen eines Lebewesens.

Tripa (Feuer) reguliert die abbauenden Stoffwechselvorgänge – einschließlich der in der tibetischen Medizin sehr wichtigen Verdauungsphysiologie, der so genannten Verdauungshitze – und die Thermoregulation.

Päken (Wasser/Erde) steuert den aufbauenden Metabolismus und die Homöostase aller Körperflüssigkeiten.

 

Jedes Individuum verfügt über eine ihm eigene quantitative und qualitative Mischung von Lung, Tripa und Päken: dies ist seine individuelle Konstitution. Vereinfacht spricht man vom Lung/Päken-, Tripa/Päken- oder vom Tripa/Lung-Konstitutionstypus.

Gesundheit ist das Bestreben, die drei Impulsenergien Lung, Tripa und Päken, bezogen auf die individuelle Konstitution, in Balance zu bringen. Die Disbalance beginnt immer in der täglichen Bewusstseinshaltung, also der geistigen Disposition: schlechte Laune, Ärger, Stress, Desinteresse oder Langeweile. Hass erzeugt z. B. mehr Tripafeuer und Langeweile oder Erschöpfung mehr Päkenschleim im Körper. Zeitnot und Rastlosigkeit erhöhen Lung (Wind), und Sturheit und Machtdenken verhärten das Erdelement, welches sich beispielsweise in Gelenkproblemen ausdrücken kann. Ängste vermindern das Raumelement, stören langfristig alle drei Impulsenergien und führen langfristig zu den komplexesten chronischen Erkrankungen.

Zusätzlich wird die Lung-Tripa-Päken-Balance beeinflusst durch jahreszeitliche und klimatische Einflüsse und vor allem durch unsere Ernährung. Alle Störungen der Impulsenergien werden zunächst in den Kategorien kalt und heiß (analog zu Yin und Yang) betrachtet. Störungen, bei denen Lung und Päken dominieren, zählen zu den kalten Krankheiten (z. B. Diabetes, kalte Tumoren, Übergewicht, Erschöpfungssyndrom, Depressionen und Demenz).

 

Chronische Krankheiten tendieren energetisch zu Kältesymptomen.

Tripa-Störungen sind immer von heißer Natur und Ursache von akuten Erkrankungen wie Infektionen, Allergien, Bluthochdruck und anderen Herz-Kreislauf-Krankheiten sowie Schock; zu viel Tripa ist oft auch die Ursache für Unfälle.

 

Pulsdiagnose

Die Königsdisziplin der TTM ist die Pulsdiagnose. Sie ist schwer erlernbar, aber effizient und instrumentenfrei. Dabei wird zuerst der Konstitutionspuls des Patienten und dann, bezogen auf die individuelle Konstitution, die Dysbalance zur jeweiligen Krankheit wahrgenommen. Somit ist jede Abweichung vom individuellen Konstitutionspuls die Tendenz zur Krankheit. Außerdem gibt es spezielle Pulse für Epilepsie, Phobie, alte und unverarbeitete Traumata, Schwangerschaft einschließlich der vorgeburtlichen Geschlechtsfeststellung per Puls sowie für den herannahenden Tod. Akute und chronische Erkrankungen können ebenso unterschieden werden.

Der Puls wird im Verlauf der rechten und linken Arteria radialis an drei nebeneinander liegenden Punkten gleichzeitig mit Zeigefinger, Mittelfinger und Ringfinger und mit unterschiedlichem Druck der Untersucherfinger getastet. Unter jedem Finger können mehr als 50 verschiedene Kriterien und Qualitäten wahrgenommen werden. Weiterhin werden die Urindiagnose, die Zungendiagnose und die Physiognomie herangezogen. Die Tiefgründigkeit der TTM entsteht durch diese Zusammenschau der verschiedenen Ebenen von Körper, Psyche und Bewusstsein, des Karma, der Fünf Elemente und der drei Impulsenergien, welche sich alle im individuellen Puls widerspiegeln.

 

Therapie

Die Verschreibung von Pillen aus Heilkräutern und Wurzeln, die meist aus Himalayaregionen stammen, die auf über 2.000 bis 4.000 m Höhe liegen sowie aus pulverisierten Edelsteinen wie Lapis, Türkis, Rubin, Koralle, Gold u. v. a. steht in der Therapie an erster Stelle. In der Pharmacopia sind über 2.200 Rezepturen niedergeschrieben. Die Kräuterpillen beinhalten meist zwischen fünf und 37 verschiedene Pflanzenarten. Die Kostbarkeitspillen, von denen es nur acht Sorten gibt, bestehen aus bis zu 95 Pflanzenarten und Edelsteinstäuben. Diese haben hauptsächlich präventiven Charakter und werden wegen ihrer mentalen Wirkung auf den feinstofflichen Bewusstseinskörper bevorzugt an Voll- und Neumondtagen eingenommen. Die Kräuter können auch zu Salben, Pulver, Sirup, Zäpfchen, medizinischem Öl und medizinischer Butter sowie Räucherstäbchen verarbeitet werden. In jeder Kräuterpille ist das komplexe Prinzip berücksichtigt, alle drei Impulsenergien in jeweils unterschiedlicher Qualität zur dynamischen Heilwirkung zu bringen. Reicht diese Kräuterbehandlung nicht aus, so werden noch externe Maßnahmen angewandt. Dazu gehören die Moxibustion, die Behandlung mit der Goldenen Nadel sowie das Schröpfen oder der Aderlass. Allgemein werden die tibetischen Therapieformen nach dem Prinzip der Gegenmittelwirkung – also allopathisch – eingesetzt, um die Disharmonie von Lung, Tripa and Päken immer wieder in das dynamische Gleichgewicht zurückzuführen. Genauso wichtig sind die Überprüfung der Ernährungsgewohnheiten und die individuelle Diätetik nach jeder Diagnose sowie mentale Verhaltensempfehlungen und bei hochmotivierten Patienten auch Entspannungs- und Meditationsübungen.

 

Tibet

Verglichen mit anderen traditionell medizinischen Systemen konnte die TTM bisher kaum Einzug in die Vielfalt der complementärmedizinischen Methoden halten. Denn nach der Invasion Tibets durch China wurden nicht nur Hunderte von tibetischen Ärzten, Lehrern und Pharmakologen ermordet, sondern auch die tibetischen Medizinschulen zerstört. Im nordindischen Dharamsala, Exilheimat S.H. des 14. Dalai Lama, wurde unter dessen Schirmherrschaft und dank beständiger unterstützender Begleitung das „Men Tsee Khang“, eine Medizinschule mit universitärem Charakter, gegründet. Das Studium eines/einer tibetschen Arztes/Ärztin dauert sechs Jahre und ist somit sehr umfassend und tiefgründig. Dank der Weitsicht und unter Anregung S.H. des Dalai Lama wurden in den vergangenen zehn Jahren diverse Studien zur Effizienz der TTM in Indien, Nordamerika, Israel und der Schweiz durchgeführt. Hierbei wurden westliche Standards verwendet und z. T. mit westlicher Medizin kooperiert.

Leider hat die Tibetische Medizin keine Lobby. Dies liegt nicht zuletzt an der politischen Situation Tibets. Als staatenlos geltend gibt es derzeit auch keine würdige, offizielle Anerkennung der Medizin des tibetischen Volkes. Vielleicht gelingt es uns Menschen im Westen, durch unser Interesse eine Wendung zu erreichen.

 

Fazit

Die Krise im modernen Gesundheitssystem lässt immer mehr Menschen nach Alternativen suchen. Die moderne Complementärmedizin, wozu auch die asiatischen Heilsysteme gezählt werden, geht vom Bild des mündigen Bürgers aus, für den der Umgang mit Gesundheit und Krankheit Teil der aktiven Lebensplanung ist. Therapiewahlfreiheit ist dazu eine grundlegende Voraussetzung. Sie ist die Freiheit des informierten Patienten, aus einem breiten Angebot verlässlicher Möglichkeiten verantwortungs- und kostenbewusst wählen zu können. Verbote und Einschränkungen alleine sind nicht geeignet, das traditionelle Medizinsystem muss auch aktiv gefördert werden. Als Folge der Anerkennung werden auch wieder vermehrt junge Menschen den Beruf des Tibetischen Arztes wählen.

 

Die Traditionelle Medizin aus Tibet - Beitrag mit allen Darstellungen als PDF downloaden

Foto: © Wilfried Pfeer / Janek Finn Pfeer

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