Allgemein ·Chinesische Medizin

Let it be…

Let it be - Andy Lidstone, 123RFWer kennt ihn nicht?

Diesen berühmten Song der ebenso berühmten Beatles.

Es heißt in diesem Songtext weiter: „ Geflüsterte Worte der Weisheit: Let it be, let it be!“ Und das sind diese Worte tatsächlich, weise! Für das Leben heutzutage gibt es kaum weisere Worte als diese. Wenn wir in unser aller Leben schauen, gibt es kaum Menschen, die diese Worte wahr werden lassen. Kaum einer von uns lässt es sein! Oder lässt es Sein! Oder lässt Es sein. Viele Möglichkeiten, tolle Worte. Faszinierend, dass ein Sätzchen wie „Lass man stecken!“ oder „Lass gut sein!“ oder „Kümmer dich nicht drum, geh weiter!“ so banal ausgedrückt wird und doch so tiefgreifend in seinem Gehalt ist. Dieser Satz ist ein tolles Beispiel für die Idee der Daoisten, dass die Welt einfach ist! Einfach und genial zugleich.

Und diese Genialität haben wir verloren, so scheint es. Wenn Sie mal ehrlich überlegen, wann lassen Sie die Dinge wie sie sind? Wann gehen Sie weiter und denken nicht mehr drüber nach? Wann sagen Sie wirklich und tief aus dem Herzen heraus „Let it be!“? Wir sind oft so anhaftend an all die Dinge, die uns umgeben, dass wir nichts sein lassen können. Ob es unser Besitz ist an dem wir haften, der nicht verloren gehen darf, der sogar mehr werden muss. Oder ob es unsere Emotionen sind, denen wir anhaften. Der hat mich betrogen, das muss ich rächen. Das Leben meint es nicht gut mit mir, ich bin so unglücklich. Oder ob uns unsere Vorstellungen vom Leben – die ja nichts als unsere Vorstellungen vom Leben sind – nicht loslassen. Ob wir etwas erreichen müssen, nicht weil wir es so fühlen, sondern weil wir meinen, so müsste es sein. Ob wir meinen, dass unser Sohn die Fabrik übernehmen muss oder unsere Tochter auch den richtigen Kerl heiratet. Wir sind voll von Vorstellungen, die erfüllt werden müssen. Und wer von Vorstellungen geführt wird, der ist eben nicht bereit für das, was gerade wirklich passiert. Der ist nicht bereit für das Leben in seinem natürlichen Fluss. Der ist nicht bereit, die Dinge ziehen zu lassen. Der ist nicht bereit für „Let it be“.

Die Beatles singen von weisen Worten. Doch auch hier zeigt sich wieder einmal, wie schwer es ist, einfach dem Lauf der Dinge zu folgen (was die Daoisten übrigens „Wuwei“ nennen). Wie schwer es ist, einfach nur zu sein. Wie schwer es ist, seine Wünsche, Begierden, Weltbilder, Vorstellungen, Urteile, Vorurteile, Sichtweisen und sein „Wissen“ sausen zu lassen und dem Leben wirklich offen und ungetrübten Blickes zu begegnen und mitzufließen, in dieses Leben einzutauchen ohne Ängste und ohne richtig und falsch.

Let it be und unser Herz

Die Wirkung solchen Denkens und Handelns ist weitreichend. Das Kaiserorgan Herz/Xin wird belastet von Begierden und Vorstellungen, da sie sich fast ausschließlich auf die uns bekannte materielle Welt beziehen. Das Herz ist wie ein Behälter. Das Hexagramm 44 zeigt ein nach unten geöffnetes Gefäß, einen nach unten geöffneten Behälter. Alles an Materie fällt aus diesem „Topf“ heraus, aber leichtes, gasförmiges kann aufsteigen und das Herz bewohnen. Die Liebe kann aufsteigen und das Herz bewohnen. Das Herz kann auch den Geist beherbergen. Aber für alle materiellen Verstrickungen gibt es keinen Platz im Herzen. Wird das Herz dennoch mit materiellen Wünschen und Vorstellungen gefüllt, so wird es krank und kann sein Volk (die anderen Organe, sprich den gesamten Menschen) nicht mehr richtig führen. Wenn wir den Dingen eben nicht ihren eigenen Lauf gestatten, so führt dies zur Krankheit des Herzens. Selbst in unserer Medizin sind Herz-/Kreislauferkrankungen die häufigste Todesursache. (Zeichnung Hex 44, im PDF) Und obwohl das Herz als „Königin“ der Organe bezeichnet wird, so ist das höchste Organnetzwerk des Körpers dennoch nicht in die Regierungsgeschäfte verwickelt. Ähnlich wie bei uns der Bundespräsident (der ein Symbol des Herzens ist!), so ist das Herz unbefangen vom eigentlichen Regieren. Und es ist, wenn es gesund ist, in der Lage zu erkennen, dass es als Königin dennoch etwas gibt was über ihm steht, nämlich das „Große Herz/Yuan Shen“, das kosmische Herz, das Dao, der „Liebe Gott“, wie auch immer Sie es mögen. Deshalb muss das Herz gepflegt und beschützt werden. Als Widerspiegelung unseres Herzens zeigt uns das Amt des Bundespräsidenten, wie es um unser Herz, unsere Aufrichtigkeit, unsere Herzlichkeit bestellt ist. Und momentan gibt es da nicht allzu viel Gutes zu berichten. Schon die Wahl des Herzens darf nicht aus einem Kalkül heraus erfolgen. Das Herz muss rein sein und nicht schon durch Macht, Regierung und Gier korrumpiert worden sein. Wenn es dann gewählt, ernannt ist vor diesem Hintergrund, dann darf natürlich auch nicht jedes andere Organnetzwerk (oder Politiker, Minister, Opposition etc.) bestrebt sein, das Herz zu stürzen und es für eigene Machtinteressen in Misskredit bringen, um selbst den Thron zu besteigen. Durch das Wissen aus der alten Medizin der Chinesen, erwächst mir heute ein ungeahntes Wissensspektrum, was mich die Welt viel tiefer und vielseitiger verstehen lässt. Unsere „Show“ mit unserem Bundespräsidenten als auch seine Idee der Aufrichtigkeit und sein Verständnis von Macht, zeigen deutlich, warum schon im Huangdi Neijing davor gewarnt wird, das Herz nicht zu vernachlässigen. Denn ohne Herz – herzlos – sind wir verdammt zu einem Leben voller Leid.  „Wenn das Herz erkrankt, welche Hoffnung gibt es dann noch?!“

Let it be und unsere Holzenergie

Doch nicht nur das Herz ist betroffen von diesem Let it be, von diesem Los-Lassen. Lassen bedeutet lassen, eben nicht machen, sondern lassen! Doch wie soll das schon gehen in einer Gesellschaft voller Macher, die´s nicht lassen können??

Das Holz und seine Power benötigt Platz und Raum zum wachsen, zum kreativ sein, zum schöpferisch tätig sein. Nur den Wunsch des Herzens in sich tragend, geht es mutig den Weg des Herzens und der Schöpfung, den Weg des Lebens. Selbst leben aber auch leben lassen. Und wieder erkennen wir die Genialität dieses Denkens über unseren Körper und unsere Zugehörigkeit zum Ganzen, zum Universum und zu meiner Idee des engen Zusammenhangs zwischen den Wandlungsphasen Holz <> Metall. Denn der Raum wird erfahren durch die Lunge. Und so muss die Lunge genügend Raum für das Holz lassen, damit sich diese schöpferische Lebenskraft voll entfalten kann. Let it be bedeutet auch für die Kraft des Holzes das Ziehenlassen von Vorstellungen, von ausschließlich materiellen Begierden und von dem Leben im Wege stehenden, hemmenden Ängsten oder Vorstellungen.

Das Schütteln, eine daoistische Technik des Jin-Jing-Qigong, zeigt genauso wie die alte Dao-Methode des Sich-Hingebens in den Fluss der Energie, das Tanzen des Wuwei, des Nicht-Anhaftens und willentlich Tuns, eine Möglichkeit, die Tiefe dieses kosmischen Wissens wirklich zu durchdringen, was wiederum die Kraft des Holzes benötigt. Dieses völlige Loslassen, ohne Denken, ohne Angst, was mögen die Anderen sagen, ohne Angst vor unseren eigenen, leider schon stark verinnerlichten Ideen, wie fest, kontrolliert und sicher das Leben möglichst sein soll, was es uns ermöglicht, die Welt wieder ganz anders, neu, frisch und lebendig zu erfahren.

Es ist also wichtig, dass wir wieder lernen, die Kontrolle abzugeben! Mit dem Fluss fließen geht tatsächlich nur, wenn ich diesem Fluss vertraue und mich ganz hingebe. Deshalb muss das Metall in seiner ordnenden und kontrollierenden Funktion losgelassen und dem Leben, der schöpferischen Kraft des Wachsens wieder mehr Raum gegeben werden. Das Gegenteil von „Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser!“, eben „Kontrolle ist gut, Vertrauen ist besser!“

Dies soll wirklich nur in Kürze einen minimalen Überblick über die weitreichende Bedeutung und Auswirkung scheinbar kleiner Dinge auf bestimmte Aspekte und Qualitäten unseres Körpers aufzeigen.

Von den Beatles lernen

Unsere Gesellschaft, besonders hier in Deutschland (inzwischen aber auch in vielen Ländern der Erde), ist sehr geprägt vom Verstand, von der Verwaltung und von Vorschriften, wie etwas zu sein hat. Diese deutsche Tugend ist leider keine himmlische Tugend, sondern eine menschliche Tugend, eine vom Verstand geschaffene Tugend. Das muss so aussehen, und dies ist richtig, das falsch und dies macht dein Leben sicher und so kommst du niemandem in die Quere. Wir sind fast, wie dressierte Affen. Mit all unseren Regeln, unseren Vorschriften, unseren Vorstellungen, unseren Wünschen, unseren Weltbildern und unserer Gier töten wir, da im völligen Übermaß, unsere Herzensenergie (das Wesen in uns) und unsere uns innewohnende lebendige Lebenspower (die Kraft in uns). Ich möchte im Regen draußen stehen und singen. Geht nicht, die Leute halten dich für verrückt! Ich würde gerne mal Pause machen. Geht nicht, du musst zumindest den Eindruck erwecken, als arbeitetest du ständig. Ich möchte raus hier. Überleg doch mal, Mensch, du hast Familie und Haus und Hof. Ich würde gerne den Menschen helfen, die in Not sind. Das kannst du ja auch, aber zuerst sorge für dich. Jeder muss selbst sehen, wie er klar kommt. Ich würde mich gern mal schütteln vor Lachen. Was sollen denn die Leute denken?! Die einzige Möglichkeit, um mal ein wenig aus der Haut fahren (Metall) zu können, ist beispielsweise Alkohol. Dieses aber schon fehlgeleitete „Ich mach einfach mal und lass los“ wird dann halbwegs toleriert, wenn wir betrunken sind. Und wir selbst verzeihen es uns auch, da wir ja betrunken waren. Leider sieht dieses Los-lassen dann oft so aus: „…mit ganz großen Schritten…von hinten an die Schulter.“

Wir könnten stattdessen auch den schwereren, aber lebendigeren und hilfreicheren Weg der Kultivierung gehen und uns selbst anschauen und freudig aber kritisch hinterfragen. Wir könnten nach unserem in uns wohnenden Herzen vermehrt Ausschau halten und unsere Ängste erkennen, annehmen und versuchen, über sie hinaus zu gehen. Ein Ablehnen oder Leugnen solcher Emotionen wie beispielsweise Angst, hilft uns langfristig überhaupt nicht. Wir könnten versuchen, wieder herzlicher zu werden, wieder liebevoller und weniger kontrolliert. Das Leben ist sowieso nicht zu kontrollieren, das wissen wir oder zumindest spüren wir es. Und wenn es außerhalb meiner Kontrolle liegt, dann kann ich mich auch mutig hineinstürzen in diese Welt voller Energie, Freude, Mitgefühl, Liebe und Dankbarkeit. Der Nachbar ist sauer auf dich – let it be. Du sorgst dich um deine Zukunft – let it be. Du meinst, so müsste die Welt sein – let it be. Du glaubst, Adel verpflichtet – let it be. Du denkst, nur genügend materieller Reichtum macht auch glücklich – let it be. Du spürst, dass du eigentlich tief im Inneren ein anderer Mensch bist – let it be. Du hast gesagt bekommen, dass du nur noch 4 Wochen zu leben hast – let it be. Der Mensch, auch der deutsche Mensch weiß, wann man/frau sich richtig verhält. Und wenn wir wieder mehr an uns selbst und etwas weniger an Gesetze und Vorschiften glauben würden, wäre dies ein erster Schritt in eine angstfreiere, glücklichere und gesündere (!) Welt, spannenderweise zuerst einmal zu unserem eigenen Wohl. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen allen ein herz- und kraftbefreiendes LE IT BE!

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Foto: © Andy Lidstone – 123RF

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