Allgemein ·Chinesische Medizin

Der Puls – Wegweiser des Wohlbefindens

Der Puls, Wegweiser des Wohlbefindens - JarrettDie Pulsdiagnose ist eine der ältesten diagnostischen Methoden und wird seit über 2000 Jahren angewendet. Sie kommt aus der griechisch-islamisch-abendländischen sowie der indisch-chinesischen Tradition und ermöglicht dem Therapeuten, Rückschlüsse auf die körperliche Verfassung des Patienten zu ziehen und Krankheitsbilder zu erkennen und Disharmonien im Körper aufzuspüren. In der traditionellen chinesischen Medizin kennt man 28 Pulse. Um diese an beiden Handgelenken an drei Stellen und drei Tiefen ertasten zu können, erfordert es jedoch ein hohes Gespür und jahrelange Erfahrung. Während die Pulsdiagnose der modernen Schulmedizin das Herz-Kreislaufsystem zur Grundlage nimmt, konzentriert sich die traditionelle Medizin auf die ganzheitlich-energetische Diagnose.

An der Radialarterie entlang kann man die feine Beschaffenheit des Pulses fühlen, die uns diagnostisch wertvolle Informationen für die Akupunktur zur Verfügung stellt.

Bei der Pulsfühlung handelt es sich um die Sammlung von sehr feinem Datenmaterial, das uns in die Lage versetzt, unsere Arbeitshypothese in der chinesischen Medizin bestätigen oder widerlegen zu können.

Der Puls zeigt uns immer, was vor uns liegt.

Es heißt: „Diejenigen, die über den Puls diagnostizieren sind die Anhänger des Bian Que“ Wer aber war Bian Que? Bian Que war ein chinesischer Weiser und lebte ca. 500 v. Chr im heutigen Renqiu. Er ist in seinem Wirken in China in etwa mit Hippokrates (antikes Griechenland) vergleichbar. Sima Qian überliefert das Wirken von Bian Que in „Shiji“.

Auszug:

„Bian Que war zum Grafen Huan im State Qi zu Besuch gekommen. Es fiel ihm auf, dass der Graf eine besonders blasse Gesichtsfarbe hatte und er machte ihn darauf aufmerksam, dass er am Beginn einer Erkrankung stünde, die jedoch noch oberflächlich sei und einer einfachen Behandlung bedürfe.

Der Graf jedoch verspottete ihn.

Fünf Tage später besuchte er den Grafen erneut und teilte ihm mit allem gebotenen Ernst mit, dass die Erkrankung weitergegangen und jetzt nicht mehr nur oberflächlich sei, sondern auch die Gefäße betroffen habe und er jetzt rasch einer Behandlung bedürfe.

Der Graf jedoch lehnte dies erneut ab.

Weitere fünf Tage später sah er den Grafen wieder und sagte ihm, dass die Erkrankung mittlerweile bereits seinen Magen betroffen habe und es gefährlich sei, wenn er immer noch eine Behandlung verweigere.

Der Graf ignorierte seinen Rat abermals.

Es vergingen nochmals fünf Tage bis Bian Que den Grafen sah. Diesmal drehte er sich wortlos um und ging weg, ohne ein Wort zu verlieren. Der Graf fand das befremdlich und sandte ihm einen Boten nach.

Er antwortete dem Boten (Anm.: Das Gespräch ist der wesentliche Lehrinhalt dieser Geschichte, die den grundsätzlichen Verlauf einer unbehandelten Invasion äußerer Pathogene beschreibt):

Solange die Krankheit noch oberflächlich (in der Haut) ist, solange kann sie durch warme Tücher behandelt werden, sitzt sie bereits tiefer in den Gefäßen, sind Akupunktur und Moxibustion angezeigt.

Wenn sie weiter zum „Magen“ (hier ist der chinesische Begriff „Wei“ gemeint, der weit über den des Magens im anatomischen Sinne hinausgeht) geht, dann gibt es noch eine reelle Chance mit Medikamenten zu helfen; hat die Krankheit jedoch einmal das Mark erreicht so ist das infaust.

Der Graf ist nun in seinem Mark erkrankt. Es vergingen weitere fünf Tage und der Graf erkrankte so, dass er nicht mehr aus dem Bett aufstehen konnte. Da sandte er nach Bian Que, doch der war nicht aufzufinden. Bald darauf verstarb der Graf.“

Zitat von Sima Qian in dessen Aufzeichnung „Shiji“

Um den Scharfsinn des weisen Bian Que selbst anwenden zu können, brauchen wir eigentlich „nur“ die zarte und subtile Kunst der Pulsdiagnostik zu lernen. Wenn wir gelernt haben, die unterschiedlichen Eigenschaften eines Pulses zu ertasten, wird es auch für jeden von uns möglich, aus diesen Informationen auf den zu erwartenden Verlauf einer Erkrankung zu schließen.

Zum Beispiel könnte sich ein Puls dumpf, -wie umhüllt-, anfühlen, oder wie Baumwolle; er könnte dünn, -wie ein Draht-, sein, oder sich mehr wie ein Seil anfühlen. Die Intensität und die Amplitude könnten wechselhaft oder rhythmisch sein. Die Vibration könnte rau sein oder abgehackt (wie die raue See) sein oder der Puls könnte mit wenig Substanz pulsieren.

Alle diese Qualitäten lassen Rückschlüsse auf die Natur und den Verlauf einer Krankheit zu.

Kraftloser Puls (WEI-MAI): Frau X., 37 Jahre alt, berufstätig als Büroangestellte, alleinerziehend, 2 Kinder, klagt beispielsweise in der Behandlung über Erschöpfung. Sie ist überlastet (Beruf, Haushalt, Kinder und emotionaler Stress nach Trennung) und immer müde. Sie wirkt abgeschlagen, ihre Hände sind eiskalt und auf Nachfrage sagt sie: „Ich kann nicht mehr, am liebsten würde ich nur noch schlafen.“ Bei der Pulstastung finden wir einen extrem dünnen und sanften Puls (Wei-Mai = kraftloser Puls), der die Schwäche des gesamten Systems spiegelt. Dieser Puls ist beim Tasten nur durch sorgfältige Aufmerksamkeit zu finden. Tastet man nur leicht und oberflächlich auf der Radialarterie (auf der Daumenseite der Hand), dann ist er kaum zu finden, – weil das Yang zu schwach ist um eine größere „Welle“ zu machen. Wenn man fester tastet (und in die tieferen Pulsebenen vordringt) merkt man diesen Puls nur ganz undeutlich, – weil das Yin ( das das Blut und damit die Grundlage für diese „Welle“ darstellt) erschöpft ist.

Das diesem Gesamtbild aus Puls und allgemeinem Eindruck zugrundeliegende Muster könnte nach der chinesischen Medizin eine Yang-Schwäche mit Qi-Mangel oder eine Yin-und-Yang-Schwäche mit Qi- und Blut-Mangel sein. Wir können daher für Frau X die Vorhersage treffen, dass sie abwehrschwach ist und anfällig für Krankheiten sein wird. Und auf diesbezügliche Nachfrage berichtet Frau X dann auch tatsächlich, dass sie „andauernd erkältet“ ist. So würden wir sie dementsprechend mit Akupunktur behandeln und auch chinesische Kräuter zur Stärkung verordnen. Unser Tipp für Frau X: Viel schlafen und nach der chinesischen Diätetik essen. Die Ernährung für Frau X. wäre nach der chinesischen Medizin besonders zur Stärkung von Milz und Niere geeignet, mit einer Betonung auf warmen Mahlzeiten (weil sie unter einer Kältesymptomatik / Yang-Schwäche leidet) und viel heißem Tee. Neben der Akupunktur könnte man auch Moxa-Therapie zur Erwärmung von Nieren- und Milzpunkten einsetzen.

Mehr zur Chinesischen Medizin: Die Medizin des Dao von Joachim Stuhlmacher

Der Puls, Wegweiser des Wohlbefindens - Beitrag mit allen Darstellungen als PDF downloaden

Alle Foto: © Jarrett

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