Allgemein ·Chinesische Medizin ·Die 12 Organsysteme

Das Netzwerk der Gallenblase/Dan

Das Netzwerk der GallenblaseAnders als in der hiesigen Schulmedizin, wurden und werden den Organen in der Chinesischen Medizin weitreichende Funktionen aus allen Seinsbereichen zugeordnet. Jedes Organnetzwerk nimmt also Aufgaben in den 3 Ebenen Jing (Materie/Körper), Qi (Atem/Energie) und shen (Psyche/Geist/Seele) wahr. Daraus ergibt sich ein vernetztes und weitreichendes System der Organe mit den unterschiedlichsten Funktionen, die wiederum sehr unterschiedliche Erkrankungen auslösen können. Es ist deshalb eben keine Scharlatanerie, wenn die Disharmonie, beispielsweise innerhalb des Organnetzwerkes Gallenblase/Dan, zu Erkrankungen wie Migräne, trockenen Augen, Nackenschmerzen, Schulterbeschwerden, Gallensteinen, Verdauungsstörungen, Hüftgelenkerkrankungen, Kniebeschwerden oder Fußgelenkschmerzen führt. Sie sehen schon jetzt, liebe Leser, dass die medizinische Welt der alten Chinesen deutlich anders aussieht als unsere heutige Sicht. Anders und älter, deshalb aber nicht schlechter. Ein erster Blick auf einige dieser Funktionen der Gallenblase/Dan beleuchtet diesen Aspekt sehr schön und gibt uns Informationen über die gesunde als auch die pathologische, krankhafte Entgleisung der Organfunktionen.

Die Gallenblase/Dan

Zuerst einmal können wir die Funktionen und Aufgaben der Gallenblase aus unterschiedlichen Blickwinkeln betrachten. Dies ist zu Beginn gewöhnungsbedürftig, letztlich ermöglicht es aber einen detaillierteren Blick auf die Körperwelt des Menschen. Als erstes sollte an dieser Stelle erwähnt werden, dass die Gallenblase ein sog. Yang-Organ (Fu-Organ) ist. In der TCM-Theorie wird dies mit dem Begriff Hohlorgan wiedergegeben, das verschiedene Substanzen nur durchleitet und nicht speichert, während die Yin-Organe langfristig Substanzen speichern und bewahren. Die chinesischen Schriftzeichen jedoch stehen beide für den Begriff „Speicher“. Die einen speichern kurz- die anderen eher langfristig. Doch viel wichtiger erscheint es mir, dass die Yin-Organe (Zang-Organe) die Botschafts-Organe sind, während die Yang-Organe die Regierungs-Organe, die ausführenden Organe sind. Also finden wir auch hier, dass nicht, wie oft im TCM-Unterricht, die Yin-Organe die wichtigeren sind, sondern, dass alle Organfunktionen gleichberechtigt sind und eine untrennbare Einheit bilden.

Die Gallenblase im 12er Zyklus der Organnetzwerke

Wenn wir uns die Zeichnung anschauen, erkennen wir, dass die Gallenblase unten am Kreis zu finden ist, in der Position des Nordens, des Winters. Außerdem erkennen wir, dass sie im Hexagramm nur einen Yangstrich (durchgezogene Linie) hat. Es ist also noch nicht viel Yang vorhanden, aber es ist so etwas wie ein Initialzündungspunkt. Aus der tiefsten Kälte, der größten Dunkelheit und der größten Starre des Jahres, erweckt uns die Gallenblase wieder zum Leben. Das erste Yang kehrt zurück in den Zyklus des Lebens. Ohne große Überlegung, ohne große Bewusstheit, erweckt uns die Gallenblasenkraft zum Leben und lässt uns den ersten Schritt, die erste Bewegung tun nach der Zeit des Rückzugs und der Dunkelheit und Kälte des Winters. Auch hier sei daran erinnert, dass es sich um allgemein gültige, energetische Beschreibungen handelt, nicht nur um wortwörtliche Informationen. Der erste Yangstrich, die erste Bewegung ist eine extrem starke Power, die uns über die Gallenblase zur Verfügung gestellt wird.

Mut

Aus dieser Idee heraus steht die Kraft der Gallenblase für den Mut des Menschen, seinem Herzen zu folgen und wirklich den ersten Schritt in die richtige Richtung zu wagen. Das Kaiserorgannetzwerk Herz gibt die Impulse des Himmels an uns weiter, die geistigen, spirituellen Impulse, wie unser Leben aussehen sollte. Das Herz überträgt diese Impulse. Das Herz übernimmt nicht die Ausführung der Botschaften, dafür sind der Kanzler (die Lunge) und die anderen Minister, die anderen Organe selbst zuständig. Der Auftrag des Herzens geht in diesem Fall an die Gallenblase, die sich gleich auf den Weg macht, zur Tat schreitet. Mutig, ohne große Überlegung, ohne großes Nachdenken, marschiert sie los. Deshalb waren bei den Indianern große Krieger immer beschrieben als große Gallenblasen. Die Kraft der Gallenblase, wenn sie harmonisch funktioniert und gesund ist, lässt sich weder von Ängsten, intellektuellen Einwänden oder Sorgen abhalten von ihren Taten, noch geht sie egoistisch, nur an sich denkend, vor. Eine gesunde Gallenblase handelt im Sinne des Herzens und führt uns in das Tun, das praktische Handeln. Krankhaft entgleist ist diese Kraft dann, wenn wir uns nicht mehr trauen. Wenn wir nicht wagen, den ersten Schritt zu tun. Wenn wir zu große Ängsten den Vorrang geben, zu vielen intellektuellen Einsprüchen Recht geben und es nicht wagen, uns ins Leben zu stürzen. Oder aber, wenn wir unsere Taten nur aus egoistischen Motiven heraus tun. Wir sind nur freundlich, weil es dafür Geld gibt; wir gehen den Weg nur, weil wir eine Belohnung erwarten; wir schreiten nur zur Tat, weil Besitz und Macht uns antreiben. Ich denke, an diesen wenigen Beispielen wird die Idee deutlich.

Kontrolle der Hüfte

Der Verlauf der Energie innerhalb des Meridians, der zur Gallenblase gehört, ist nach unten gerichtet. Auch hier wird der chinesische Ansatz der Vielfältigkeit deutlich. Als Holzorgannetzwerk sicher mit einer nach oben und außen gerichteten Frühlingskraft versehen, wird diese Yangqualität durch den Qi-Verlauf im Meridian wieder ausgeglichen, der eben nach unten verläuft. Dabei durchströmt sie, wie Sie dem Bild entnehmen können, u.A. auch die Hüfte und das Hüftgelenk. D.h., sie versorgt diesen Bereich eben auch mit Qi und Blut und sorgt für einen freien Fluss in diesem Körperareal. Viele der inzwischen unzähligen Hüftoperationen hätten sicherlich vermieden werden können bei einer frühzeitigen und konsequenten Therapie mit Chinesischer Medizin. Wie viel weniger Leid für die betroffenen Patienten und wie viel Geld mehr im Budget der Krankenkassen. Egal, ob es sich bei den Hüftproblemen um zu wenig Gelenkschmiere, mangelnde Durchblutung der entsprechenden Muskeln und Sehnen oder um arthrotische und arthritische Veränderungen gehandelt hat. Sie hätten vermieden bzw. therapiert werden können. Auch hier muss man sich den Begriff „Hüfte“ sehr genau anschauen. Die Hüfte in der klassischen Chinesischen Medizin wird als zum Zentrum, zur Mitte gehörend definiert. Seine Mitte, sein Zentrum bewahren ist eben auch psychisch extrem wichtig. Und die Gallenblase hat somit auch hier eine weitreichende psychische Komponente in ihrem Aufgabenspektrum.

Den ersten Schritt tun

Wie schon erwähnt und erläutert, steht das Hexagramm für den ersten Schritt aus dem „Winter“ heraus ins neue Leben. Dieser erste Schritt ist sicherlich ein körperlicher Schritt, also eine Bewegung mit den, auf den Beinen. Die Kontrolle über die Hüfte beinhaltet auch die Kontrolle über die Bewegung der Beine, also der Oberschenkel und dem Waden-/Schienbein, aber insbesondere auch der Bewegung der anderen zwei Gelenke von Knie und Fuß, die dem Impuls der Hüfte zwangsläufig folgen. Somit erkennen wir in diesem kleinen Satz schon die weitreichenden Auswirkungen auf uns und unseren Körper. Doch den ersten Schritt tun und dabei in seinem Zentrum bleiben, zeigt wiederum sehr deutlich die psychologische Dimension. Und die Bewusstmachung der Tatsache, dass ja das Leben ausschließlich (selbst im Schlaf) aus Bewegung (im weitesten Sinne) besteht, lässt auch die spirituelle Dimension des Organnetzwerkes der Gallenblase, wie die aller anderen Organe, zumindest erahnen, vielleicht sogar erkennen. In Bewegung bleiben auf allen Ebenen (Körper, Energie und Geist) ist ein Muss, um gut und gesund durchs Leben zu gehen. Und ein Schritt bringt uns natürlich zum Gang, zum Laufen. Zum Laufen benötigen wir einen Boden (unter den Füßen). Und der Boden ist die Erde. Die Erde als Wandlungsphase (chin. Tu) als auch aus dem Himmel/ Erde (chin. Di)/ Mensch-Konzept hat eben auch sehr viele Überschneidungen und Beziehungen zu den Organnetzwerken der Wandlungsphase Holz oder anders ausgedrückt, zum Aspekt des Mensch-Sein, der menschlichen Gefühle und des menschlichen Herzens.

Mir läuft die Galle über

In der Chinesischen Medizin lernen wir, dass nichts zufällig ist oder zufällig passiert. Es gibt immer Ursachen, Gründe, Absichten für Geschehnisse. Diese sind allerdings nicht als Belohnung, Strafe oder was sonst zu verstehen, sondern werden immer als Lernfeld und Lernhilfe für den Betroffen betrachtet. Dass unsere Sprache auch heute noch so viele Sprichwörter hat, die mit Organen und ihren Funktionen zu tun haben, freut mich sehr. Bestätigt dies doch, dass auch hier einmal solch ein Wissen über die wahre Bedeutung der Organe des Körpers bekannt war. Welche Laus ist dir denn über die Leber gelaufen? Mir läuft die Galle über. Dies sind nur zwei kleine Beispiele, die auch bei uns im Altertum bekannt waren, welche Emotionen zu welchem Organnetzwerk gehörten. Uns läuft eben nicht die Blase über oder die Lunge, sondern die Galle. In der antiken Chinesischen Medizin steht die Gallenblase, wie wir aus den vorherigen Informationen unschwer entnehmen können, für die praktische Ausführung unserer „Herzenswünsche“! Sie macht den ersten Schritt hinein in die Verwirklichung unserer Träume, unserer tief im Inneren verankerten Wünsche und Ideen, wie wir uns unser eigenes Leben wirklich vorstellen und wie es eben ganz praktisch aussehen sollte. Wenn wir aber, durch ständige Angst und durch die Überkontrolle des Metalls uns ständig nicht erlauben intensiv zu leben, Dinge umzusetzen (egal wie verrückt sie auch erscheinen mögen) und unserem Herzen zu folgen ohne wenn und aber, so wird diese Funktion der Gallenblase ständig unterdrückt und an der Ausführung gehindert. Und irgendwann ist dieser innere Druck so groß, dass es aus uns herausplatzt, dass wir wütend werden, schreien, weinen und uns über uns selbst ärgern. Dann läuft die „Galle“, diese machtvolle Energie und Durchsetzungskraft in uns einfach über und kein Deckel ist stark genug, sie zu kontrollieren. Verstehen Sie, mit welch einer Power wir es hier zu tun haben. Wenn diese Energie nicht gelebt wird, dann entsteht auf Dauer eine überschäumende Energie (Choleriker), die nicht kontrollierbar ist. Vorher entstehen aber schon Symptome wie Hyperaktivität, großer Bewegungsdrang, Verdauungstörungen etc. Wenn Kinder heutzutage nur noch von einem Termin zum nächsten gekarrt werden und jeden Nachmittag irgendetwas machen müssen, das ist ein Beispiel dafür, wie früh diese Störung ihren Lauf nehmen kann. Denn die Kinder tun dies ja nicht aus einem tiefen eigenen Wunsch heraus, sondern das sind eher die Wün-sche der Eltern.

Natürlich kann es sein, dass die Kontrolle über die Kraft der Gallenblase auch dazu führt, dass diese Energie im Laufe der Jahre immer schwächer und irgendwann so klein wird, dass depressive Tendenzen sichtbar werden und die Kraft für den Alltag fehlen.

Die Fehlentwicklung dieser Kraft sollte nicht unterschätzt werden. Sie ist maßgeblich für die gesunde Entwicklung unseres Körpers und unserer Seele und trägt entscheidend zur harmonischen Entfaltung unseres Seins bei.

Schulter, Nacken, Kopf

Die Leitbahn der Gallenblase durchströmt in ihrem Verlauf den Kopf, den Nacken und die Schulter. Sie durchzieht den Kopf an jeder Seite im Zickzackkurs, beginnend von einem Punkt neben den Augen. Bei einer aufsteigenden Hitze im Gallenblasensystem kann diese Hitze nach oben aufsteigen (statt wie physiologisch nach unten) und z.B. Trockenheitsprobleme der Augen auslösen. Aber auch Seitenkopfschmerz oder Hautrötungen am Kopf wären mögliche Symptome.

Da die Leitbahn der Gallenblase auch durch Nacken und Schulter strömt, können Schmerzen oder Beschwerden in diesen Regionen von einem Ungleichgewicht im Organ hervorgerufen werden. Ganz typisch ist eine Verkrampfung des Schultermuskels, der die Schultern mit dem Nacken verbindet.

Natürlich können solche Störungen auch ausgelöst werden durch berufliche Anspannung dieser Areale, die wir heutzutage sehr oft bei PC-Arbeitern und im Verwaltungsbereich finden, also bei überwiegend sitzenden Tätigkeiten, die außerdem diese Regionen zusätzlich ständig einseitig benutzen.

Die hier vorgestellten Informationen stellen nur einen ganz kleinen Ausschnitt aus dem riesigen Fundus der klassischen Chinesischen Medizin dar. Es wäre wünschenswert, wenn unsere Medizin sich endlich dem inzwischen Unübersehbaren öffnen würde. Zum Wohl der Ärzte und insbesondere der Patienten.

Poster Organuhr
Poster: Die Organuhr der Chinesischen Medizin

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Foto: © Fotolia

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